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„Werther“ auf der Wiese · 24.04.2021

„Politiker fordern Unterricht im Freien“ – so lautete die Überschrift eines Artikels, der bei heute.de am 19.04.2021 erschienen ist. Als Beleg wird angeführt, dass „durch die Wissenschaft belegt sei, dass Aktivitäten unter freiem Himmel sicherer seien als in geschlossenen Räumen“.
Auch wenn Goethes Romanheld Werther die Debatte um Corona-Schutzmaßnahmen nicht kannte, so wäre er unter den Ersten gewesen, die ihr Buch genommen (in seinem Fall die Werke von Homer) und sich ins Grüne gesetzt hätte.

Ein Grundkurs Deutsch der Jahrgangsstufe 11, der gerade mit der Lektüre der „Leiden des jungen Werthers“ begonnen hat, begab sich am 22.04.2021 auf die sogenannte Pilgerwiese beim Urheiligtum und las dort Werthers Maibriefe. In diesen Briefen kommt die signifikante Naturerfahrung und Naturdarstellung des Protagonisten zum Ausdruck. Die äußeren Begebenheiten verschaffen ihm ein Glücksgefühl, dem er sich hingibt. Schwärmerische Begeisterung für die Natur, die er von der „hohen Sonne“ bis hinunter zum „Würmchen“ zu fassen versucht, berauscht ihn. Die Natur wird zum Spiegel seines Seelenzustands. Werther interpretiert sein Leben mit Bildern aus der Natur, wobei ihm die Sprache Mittel subjektiven Ausdruckswillens wird.
Ein Beispiel aus Werthers Brief vom 4. Mai 1771:
„Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle das oft schaudernde Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten und man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.“

Auf der Wiese krabbelten zwar keine Maikäfer, aber schokoladenbraune Käfer in Goldfolie versüßten die Lektüre der Werther-Briefe, auch den vom 10. Mai, der zu den berühmtesten Zeugnissen der Weltliteratur gehört.

Wenn auch eine gemeinsame Lektüre des Briefromans durch die Bundes-Notbremse erst einmal ausgebremst ist, bieten sich jetzt zeitlich unbegrenzte Möglichkeiten zur „Werther“-Lesungen im Freien, wie sie zu Goethes Lebzeiten gerade beim jungen Lesepublikum beliebt waren. In der freien Natur ist Abstand voneinander möglich und zugleich die Distanz zu Werthers Naturerfahrung verringert.

„Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzen Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine.“ (Brief vom 10. Mai)

 



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