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Schüler im Chefsessel · 01.07.2015

„Einmal Platz nehmen in einem Chefsessel“ – dies war mein Traum und am 15.04.2015 ging dieser in Erfüllung, denn an diesem Tag sollte ich Chefin des mittelständigen Unternehmens „AFG-Recycling GmbH & Co. KG“ sein. Durch das Projekt „Schüler im Chefsessel“ bekam ich die sensationelle Chance, den Alltag und die Arbeit eines Unternehmers hautnah kennenzulernen und daran teilzuhaben.

Schon die Busfahrt zum Büro stellte sich für mich als eine Besonderheit dar, da ich mich die ganze Zeit gedanklich mit dem Unternehmen beschäftigte und mir vorzustellen versuchte, was mich wohl an diesem Tag erwarten würde. Vielleicht ein riesiges Unternehmen mit aufwendigen Sicherheitskontrollen? Und eine Unmenge von Angestellten, die dem Chef jeden Wunsch von den Augen ablesen und alle anfallende Arbeit erledigen? Ob dies nun nur Klischees waren oder ob dies gar der Wahrheit entsprach, erfuhr ich dann kurze Zeit später.

Leicht erhitzt vom Erklimmen eines Berges und ziemlich nervös erreichte ich das Büro von Herr Stevens, dessen stetiger Begleiter ich für den Tag werden sollte. Nach einer herzlichen Begrüßung seitens Herrn Stevens und seiner Assistentin, Frau Gattung, und einer kurzen Erfrischung fiel mir dann plötzlich auf, dass meine Vorstellungen der Realität nicht sehr nahe kamen. Zunächst einmal musste ich mich weder einer Sicherheitskontrolle unterziehen noch musste ich mich registrieren noch war ich von hunderten von Angestellten umzingelt, die geschäftig umherliefen. Stattdessen saß ich in einem geräumigen, schön mobilierten Büro mit zwei Schreibtischen für Herr Stevens und seine Assistentin und einem großen Tisch für Besprechungen und mir bot sich ein wunderschöner Ausblick über das Neuwieder Becken – ein komplett anderes Ambiente, als ich erwartet hatte!

Nachdem ich dann auf den Boden der Tatsachen gestellt worden war, wie der Arbeitsplatz eines Unternehmers wirklich aussehen kann, stellte mir Herr Stevens kurz seine Aufgabenbereiche und sein Unternehmen vor. Ich erfuhr, dass „AFG-Recycling GmbH & Co. KG“ sich hauptsächlich mit der Wiederverwertung von Rohstoffen, die in der Getränkeindustrie als Abfall anfallen, beschäftigt, wie beispielsweise Flaschendeckel, -etiketten und -kästen. Nachdem die Rohstoffe über den Getränkehandel und über den Getränkefachgroßhandel zum Mineralbrunnen gelangen, werden dort von den wiederverwertbaren Flaschen die recyclebaren Rohstoffe entfernt. Die Flaschen selbst werden gespült und wieder neu befüllt. Diese nicht mehr für den Mineralbrunnen nutzbaren Rohstoffe werden vor Ort in Container oder Silos gelagert, bis eine Spedition sie für das Unternehmen abholt und zum Verarbeitungsstandort in Rheinböllen transportiert.
Nun stellt sich aber die Frage: Warum nicht einfach die ganzen Abfallprodukte verbrennen? Dies hat einen ökonomischen, aber auch einen wichtigen ökologischen Grund. Zunächst einmal können die Mineralbrunnen Rohstoffe wie Polypropylen, Polyethylen und Aluminium an das Unternehmen verkaufen und erzielen somit Zusatzgewinne, zum anderen wird durch das Recycling von Kunststoffen und die Wiederverwertung der Sekundärrohstoffe in der Elektro-, Möbel- und Autoindustrie eine große Menge von Kohlenstoffdioxid eingespart, was dem Klimaschutz und der Umwelt sehr zugute kommt.

Anschließend an die Kurzvorstellung des Unternehmens folgten meine ersten Aufgaben als Chef. Papierkram erledigen! Anfangs las ich eine Broschüre der Stiftung „Schwerkrankes Kind“ Korrektur, die Herr Stevens unterstützt und die bald veröffentlicht werden sollte. Dabei wurde mir bewusst, dass auch ein Chef Fehler macht, obwohl ich zugeben muss, dass es im Vergleich zu mir viel weniger und unbedeutendere Fehler waren als die, die ich in solch einer Textmenge fabrizieren würde. Darauf folgte dann das Vergleichen von Verträgen, denn selbstverständlich müssen Verträge auf einer gleichen Basis abgeschlossen werden und dürfen nicht unterschiedliche Aspekte beinhalten.

Nun kommt es mir etwas naiv vor, aber vor meinem Besuch bei Herr Stevens dachte ich, dass Unternehmer stets Angestellte haben, die diese Aufgaben für den Chef übernehmen. Da hatte ich mich aber gründlich geirrt, denn wie Herr Stevens mir erklärte, liegt die meiste Arbeit im Büro auf seinem Schreibtisch.

Als Nächstes lernte ich die Produktionsstätte in Rheinböllen kennen. Nach einer fünfundvierzig minütigen Fahrt stand ich dann schließlich vor einem Gebäude, das eher meinen Vorstellungen eines Unternehmens entsprach: ein großes Bauwerk, abgesichert durch ein Tor und Kameras. Nach einer Werksbesichtigung wusste ich dann auch genau, wie die primären Rohstoffe nun weiter zu Sekundärrohstoffen verarbeitet werden. Die von den Logistikspeditionen gelieferten Rohstoffe werden erst gewogen und dann nach Kunststoffen getrennt – hierbei muss man anmerken, dass es häufiger zu merkwürdigen Entdeckungen von „ neuen Rohstoffen“ wie Dachrinnen kommt, da wohl die Container mit Müllcontainern verwechselt werden. Ein Schaufler befördert die getrennten Rohstoffe in die Produktion, wo ein Trichter mit ihnen befüllt wird. Von dort gelangen sie in eine Mühle, die mit einer bezahnten Walze ausgestattet ist. Diese mahlt die Kunststoffe in kleine Stückchen. Gesäubert und zerkleinert werden diese in BigBags verpackt und an den Kunden verkauft, welcher diese kleinen Kunststoffteile auf verschiedene Weisen weiterverarbeitet.
Schnell noch ein Foto vor den Mengen an Flaschenverschlüssen gemacht – dann ging es schon los zu meiner letzten Unternehmung als Chef, einem Besuch bei der Rhein-Zeitung.

Nach einem langen Kampf um einen Termin bei einem Redakteur ergatterten wir letztendlich doch einen, wofür wir dann sogar die Mittagspause ausfallen ließen. Eine gute Entscheidung, wie ich im Nachhinein sagen kann! Nachdem wir uns mit dem Redakteur bekannt gemacht hatten, gingen wir durch das Gebäude der Rhein-Zeitung, wobei ich viele emsige Mitarbeiter sehen konnte, die wichtige Arbeiten an ihren Computern zu erledigen schienen – so wie ich es mir eigentlich auch bei Herr Stevens Unternehmen vorgestellt hatte.
Als wir schließlich an einem Tisch in einem Telefonkonferenzraum saßen, fing Herr Stevens an, dem Redakteur die Initiative „Schüler im Chefsessel“, sein Unternehmen „AFG-Recycling GmbH & Co. KG“ und den BJU (Die jungen Unternehmer) vorzustellen. Ich war schon erleichtert und dachte, dass Herr Stevens nun das ganze Reden übernimmt und ich nur brav neben ihm sitzen und ihm an passenden Stellen zustimmen musste, aber da hatte ich mich gewaltig geirrt! Nach kurzer Zeit wurde ich gefragt, ob ich denn heute schon Entscheidungen als Chef getroffen hätte. Total überrascht von der Frage, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte, antwortete ich aus dem Bauch heraus, dass ich mich nicht erinnern könne, überhaupt mit so etwas konfrontiert worden zu sein. Meine Antwort wurde mit einem Lachen quittiert, was ich als eine Bestätigung meiner Aussage auffasste. Nach weiteren Fragen zu meinen Vorstellungen vom Unternehmertum kamen wir dann zur wichtigsten Frage des Tages: Kann ich mir ein Leben als Unternehmer vorstellen?

Meine Überlegungen und meine Erfahrungen des Tages ließen mich dann zu dem Schluss kommen, dass dies nicht der Fall ist, da ich mir selbst diesen Lebensstil zumindest im Moment nicht vorstellen kann. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten, der Verlust an Freizeit und mein Traum von einer Familie scheinen nicht ganz in das Leben eines Unternehmers zu passen, obwohl es sicherlich viele Möglichkeiten gibt, all dies miteinander zu kombinieren. Da ich mir bereits andere Ziele für meine Zukunft gesetzt habe, ist es jedoch in meiner Position schwer, das Unternehmer-Dasein ganz objektiv zu betrachten. Daher ist generell die Möglichkeit, Unternehmer zu werden, zur Zeit eher keine meiner Option. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

Trotzdem bin ich sehr froh, über „Schüler im Chefsessel“ einen so guten Einblick in die Welt der Unternehmer gewonnen zu haben, wobei die Vielseitigkeit der Eindrücke den Tag für mich zu einem besonderen Highlight machte.

(Einen Artikel über das Projekt „Schüler im Chefsessel“ wurde von der Rhein-Zeitung am 20.04.2015 veröffentlicht.)

Jennifer G.

 



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