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Mit Lucy im Pepperland räumt ein großer Lehrer die Bühne · 14.11.09

Christian Wünsch zeigt in seiner letzten großen und großartigen Produktion an der Marienschule noch einmal das ganze Spektrum der Theaterkunst

Alles beginnt wie im wirklichen Leben: Das spießbürgerliche Ehepaar (herrlich komisch verkörpert von Dr. Gabriele Derenthal und Uwe Harder) zwingt sich selbst und seine pubertierende Tochter Lucy in eine Ausstellung moderner Kunst. Herrlich komisch schon die Anspielung auf die Fachbereiche der Mitstreiter: Die moderne Kunst wird als beliebig karikiert, das Unverständnis des Altphilologen Harder trifft auf die statusbewusste naturwissenschaftliche Unbefangenheit der Ehefrau Dr. Derenthal.

Lucy (Mona Klöckner) tritt zunächst in den Hintergrund des Geschehens und dann in das des Bildes:

Denn sie lernt den Museumsführer John (Tahnee Koch) ...

... kennen, den sie zunächst eiskalt und mit herrlicher Zickengeste abserviert, bevor sie vom amüsanten, aber sprachlosen Bilderbuchhasen (Amelie Behrens) in die Hinterwelt der Bilder entführt wird.

Spätestens an dieser Stelle wird dem Zuschauer die zweite Quelle bewusst, aus der sich dieses Stück neben den mitreißend von der Band interpretierten Beatles-Klassikern speist: dem Klassiker der Weltliteratur “Alice in Wonderland” von Lewis Carrol.

Den passenden Song “Lucy in the sky with diamonds” interpretiert die Truppe mit einer Schwarzlichtchoreographie, die das Hinabstürzen aus der Realität des Museums in die Surrealität der zweiten Schein- oder Seinwelt symbolisiert.

Schon bei dieser Performance zeigt sich die Liebe zum Detail, die die Produktionen von Christian Wünsch seit zwanzig Jahren ausgezeichnet hatten: Hier wird kein Aufwand gescheut, um einen wirklichen Augen- (und in dieser Produktion auch Ohren-)schmaus zu bereiten.
So auch in der folgenden Szenerie, wo unterschiedlichste Blumen vor einer surrealen Videoinstallation ein Ballett tanzen. (Als Blumen brillierten: Lisa Friedhofen, Alwine Baresch, Alisa Kahn, Maja Fritzen, Katharina Hahn, Pauline Leers, Maria Müller, Anna Parbel, Katharina Zentz).

Besonders schön gelungen: der Kontrast zwischen lieblichen Blümchen und der diesen Eindruck relativierenden psychedelisch-grellen Hintergrundprojektionen.

Schwungvoll eröffnete Herz-Bübchen alias Conny Pretz die nächste Szene.

Doch die vermeintliche Macht über seine Soldaten (Sarah Akolk, Lea Bergner, Lisa Erfort, Hannah Herrmann, Maike Klöckner, Tabea Koch, Sophie Schmitz, Jana Trennheuser und Jana Steffens) wird sehr schnell relativiert, als er sich als höriger Handlanger seiner unbarmherzigen Königin (Julia Tepper) offenbart. Lucy wird zum immer wieder aufs Neue verunsicherten Spielball merkwürdiger neuer Bekanntschaften, so des Eis (hier: Genitiv von Ei!), voluminös und wegen verrutschtem Schaumstoffpolster schmerzhaft verkörpert von Theresa Kahn. Sie endet aufgrund der Ablehnung Lucys leider als Spiegelei.

Ein besonderer Effekt und Beleg für die außergewöhnlich aufwändige Requisite war die anschließende Szene mit der Raupe, die zum Schmetterling wird. Diese Metamorphose gelingt nicht nur visuell, sondern die gesamte Figur wird von Hannah Blum auch sprachlich so originell angelegt, dass man als Zuschauer zu einem wohligen Dauerschmunzeln genötigt wird.

Das Stück überzeugt aber nicht nur schauspielerisch, musikalisch und in der Ausstattung, manche Szenen sind darüber hinaus auf so spielerische Weise hintergründig, dass der dem vermeintlich ernsteren Fach verpflichtete Zuschauer diese Hintergründigkeit schlichtweg übersehen mag und das Stück so zu Unrecht zum gut gemachten Spektakel degradiert. Beleg hierfür ist die folgende Szene, in der die Frage nach dem “Wohin?” auf symbolische Weise für Lucy beantwortet wird. Nämlich nicht in der Orientierung an wechselnden Autoritäten in der symbolischen Form von Schildern, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Sondern es ist die Orientierung in ihr selbst, die ihr letztlich den Weg aus dem Kaninchenbau weist.

Seltsam paradox auch die nächste Partyszene, die das “Nicht-Geburtstagsfest” für John darstellt. Wenn sich nach “Can’t buy me love” die Frage nach Traum und Wirklichkeit stellt, so antwortet Lucy klug, es sei nicht ein, sondern ihr Traum. In der anschießenden Tanzszene bleibt dann auch im Publikum keine Fußspitze ruhig und spätestens beim folgenden “Let it be” zünden die ersten (berechtigt, aber mit Auswirkungen für die Luftqualität in der Aula) Wunderkerzen an. Spätestens bei diesem Stück hat auch der letzte Zuschauer die glänzend aufgelegte Band unter “Sergeant” Keffer bemerkt, die bei diesem Stück mit einem wirklich virtuosen Gitarrensolo von Nico Grundhewer glänzt.

Herrlich karikierend stellte Jenny Pokorra den Rosenverkäufer dar – ebenso überzeugend die elegante Sektdame (Jessica Kreuter).

Im Stück geht es weniger romantisch weiter, denn Lucy benötigt dringend “Help”, als ihr bewusst wird, dass die Beatles wegen ihr von Herz-Bübchen mit seiner bezaubernd zickig gespielten Adjutantin (Jacqueline Wagner) ins Verlies geworfen worden ist. Als ein musikalisch, nicht aber schauspielerisch ausbaufähiger Herold (Mira Nießen) ...

... die Hinrichtung der Beatles samt Lucy verkündet, spitzt sich die Situation zu. Im Publikum flüstert eine Zuschauerin beeindruckt “Tolle Kulisse”, denn auch hier zeigt sich wieder, wie ein paar Dachlatten und eine Schaumstoffisolierung ein wirklich veritables Gefängnis ergeben.
Schlimmer kann es immer werden, und so schläft Lucy bei der Liebeserklärung Herz-Bübchens zu allem Überfluss auch noch ein und braucht so wirklich “(with) a little help from my friends”. Und dann kommt es, wie es kommen soll: Lucy entkommt der Bedrohung der Riesenpistole des Herz-Königs (Maria Hart) ...

... und der Soldaten und kehrt zurück in die vermeintliche Realität, in der ihre Liebe zu John endlich offenbar und wirk – lich wird. Am Ende des Stückes schließt sich der Kreis. Der Hase aus dem Bild ist verschwunden und dies ist am Schluss der einzige, aber klare Hinweis auf die Verbindung von Traumwelt und Wirklichkeit. Dass der Hase am Schluss mit einem T-Shirt auftaucht, ...

... auf dessen einer Seite “Meine Name ist Hase” und auf der andere Seite “ich weiß von nichts” steht, ist Schluss-Gag mit Hintersinn. Was dann folgt ist ein minutenlanger Applaus eines durchweg begeisterten Publikums. Herr Keffer (Bass) bedankt sich bei der Band, die mit Anna Wendel/ Niklas Bartels (30.10.) am Schlagzeug, Laura Fuhrmann an der Rhythmusgitarre und Nina Schmidt am Klavier mitreißend und zugleich dezent die Beatles begleitete, hinter denen sich Katharina Hassinger, Katharina Koch/Tabea Koch (8.11), Maria Türk so gut kostümiert verbargen, dass man das Programmheft benötigte, um sie zu identifizieren.

Ein großes Dankeschön galt auch den vielen Helferinnen im Hintergrund, so den Souffleusen Caren Mücke und Ariadne Baresch, den Technik-Girls am Mischpult Marlene Böhmer, Lena Heuer, Bettina Heuser und Alexandra Hermeling. Esther Gelhardt zeichnete u.a. für die Kulissen verantwortlich, sie spielte außerdem eine originelle Nowhere-Katze.

Für die Maske zeichnete u.a. Daniela Sicker-Wünsch verantwortlich, Regisseure waren Lena Türk, Jacqueline Hammer und Esther Gelhardt, die mit Christian Wünsch das Stück auch geschrieben hatten.

Am Ende des Stückes wurde es merklich ruhiger, als Christian Wünsch mit einer Präsentation auf 20 Jahre Bühnenschaffen an der SMS zurückblickte und seinen Rücktritt als Theaterschaffender erklärte. Schade, denn Herr Wünsch geht mit einem musikalischen Paukenschlag, den die Schülerinnen und Eltern, Kollegen und Schulleitung wohl kaum vergessen dürften.

P.S. Für die Überlassung der hervorragenden Fotos bedanken wir uns bei Herrn Koch. Die Redaktion hat sich alle Mühe gegeben, diesem komplexen Stück journalistisch gerecht zu werden. Sollten wir jemanden vergessen oder in Bild und Text nicht ausreichend gewürdigt oder etwas falsch dargestellt haben, bitten wir um Mitteilung. Herzlichen Dank!

 



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